Jan Koch - Liedermacher
Eierschalen für Verhungernde
 

Werke
Neu 2010:
Im falschen Café
Im Anfang war Irrtum,
und der Himmel beschied
einem zu kleinen Sänger
ein zu großes Lied.

Und er trug es mit Fassung
und er trug es hinaus
und er trug es vor
und er sah tapfer aus.

2006, Album, 10 €,
12 Stücke:
Ewiger Mai
Ich stehe still
Weg ans Meer
Fort William
Eine kleine Weile
Versager
Old Inverness
Freudenschrei
Manchmal im Mai
Fragen
Im Schnee
Dabei zu sein

Ewiger Mai
Mein Erstling wird gebraut aus Aufbruchsstimmung, Traurigkeit und einer Messerspitze Zorn. Wer unter Humor etwas Ähnliches versteht wie ich, wird auch davon viel finden. Lyrisch sind einige Dichter aus der nicht zeitgenössischen Literatur durch die Landschaft gehuscht. Oscar Wilde hat ein Zitat hinterlassen, andere nur ein wenig Geruch. Man findet das ein oder andere Experiment mit zweiter Gitarre oder gedoppeltem und zweistimmigem Gesang. Im Falle von Fragen bleibt das Ergebnis umstritten. Deshalb wird es auf Schall & Rauch noch einmal auftauchen, diesmal ohne Schnickschnack. Über das Album verteilt ist eine Mai-Trilogie, deren mittleren Teil Eine kleine Weile ich manchmal gerne als das schönste Liebeslied in deutscher Sprache bezeichnet habe. Mittlerweile bin ich mir da aber nicht mehr so sicher. Wahrscheinlich heißt das schönste deutschsprachige Liebeslied doch eher Wirst du mich leiden. Es ist ebenfalls von mir und wird auf einem späteren Album vertreten sein. Ich möchte noch das Titellied Ewiger Mai ansprechen. Es liefert sowohl musikalisch als auch in der Haltung meinen ersten Versuch zur Verbindung von Liedermachen und meiner heimlichen Liebe Heavy Metal. Und übrigens: Old Inverness ist nicht der Name einer Stadt.

Er bewegte die Lippen,
und das Lied riss sich los.
Er wollte es halten,
doch es war ihm zu groß.

Die geladenen Gäste
standen hilflos dabei.
Und der Sänger, der weinte.
Und das Lied, das war frei.

2007, Album, 10 €,
14 Stücke:
Ich lebe vor dem Tod
Daher weht der Wind
Soll ich
Seit hundert Jahren
Euch und vor allem mir selbst
Die Zeit ist reif
Versehrter als zuvor
Atem zurück
Kein Kummer
Golden
Fragen
Kerzen heruntergebrannt
Fehlerhaft und unbequem

Südwind

Schall & Rauch
Das ist etwas ungewöhnlich, aber Schall & Rauch ist der nachträgliche Vorgänger von Ewiger Mai. Ich mag meine älteren Lieder sehr gerne und spiele immer wieder manche davon bei Auftritten. Wenn ich nicht irre (was aber absolut möglich ist), sind sie noch recht engagiert und gläubig in Bezug auf das Dasein und seine Erträglichkeit. Aber schon dieser Satz wird von zwei, drei Stücken der CD Lügen gestraft. Es kann einem übrigens beim Hören des Albums auffallen, dass das Schaffen Hannes Waders einen starken Eindruck bei mir hinterlassen hat. Den Titel Schall & Rauch hatte ich für meine allerersten Soloauftritte verwendet. Er ist kennzeichnend für den Optimismus, mit dem ich anfangs zu Werke ging. Das eröffnende Lied Ich lebe vor dem Tod sagt meiner Ansicht nach mehr über mein Schaffen aus als jeder Programmtext. Wenn ich ehrlich bin, haben sich auch zwei wesentlich jüngere Lieder auf Schall & Rauch gemogelt. Aber das merkt man nicht. Mein allererstes Lied und zugleich das einzige, bei dem zuerst der Text und dann die Musik kam, ist Fehlerhaft und unbequem.

Doch der Himmel war heiter,
lachte laut und entschied:
Gebt dem lustigen Sänger
ein noch größeres Lied!

Und der Sänger erwachte
schon am Morgen danach
mit einem Lied in der Brust,
das keiner Stimme entsprach.

2007, Ein-drittel-Album, 3 €,
4 Stücke:
Willkommen, Berlin
Zahlender Gast
Dornröschenschlaf

Der Langzeitstudent

Matt in drei Zügen - Der Langzeitstudent
Ein etwas verrückte Idee, ein Album auf drei kleine CDs verteilt herauszubringen. Das Gedicht am Ende einer jeden CD liefert den Titel des jeweiligen Teils. Die Lieder passen auf die eine oder andere Art zu diesem Gedicht. Der erste Teil enthält mit Zahlender Gast und Dornröschenschlaf zwei Schwergewichte in mancherlei Hinsicht. Ersteres ist für mich eine leidvolle Entblößung und enthält zugleich die für meinen Geschmack lustigste Strophe, die ich bisher geschrieben habe. An dem Tag, an dem die erste Fassung entstand, ist mir übrigens direkt im Anschluss Freudenschrei passiert. Sozusagen die Nachgeburt. Dornröschenschlaf stellt für mich den ebenfalls seltenen Fall dar, dass ich etwas Gültiges zur gegenwärtigen Herrschaftsform zu sagen habe. Willkommen, Berlin genießt indessen nicht weniger meine väterliche Liebe, auch wenn ich es nicht immer ganz souverän zu singen vermag. Es hat einfach diesen leichteren Klang.

Und es zwang ihn zur Bühne
und da stand er allein.
Diesmal strömten die Leute
schon in Scharen herein.

Sie hofften zu sehen,
wie ein Sänger zerbricht.
Sie erwarteten viel.
Er enttäuschte sie nicht.

2007, Ein-drittel-Album, 3 €,
4 Stücke:
Kleopatra
Späte Rache
Wieso Berlin?

Der Komparse

Matt in drei Zügen - Der Komparse
Statist zu sein, ist nicht nur ein wiederkehrendes Thema in meinen Texten, sondern war auch kurz eine biographische Realität. Das Gedicht Der Komparse entstand nach einem solchen Drehtag und nach einer Begegnung mit einem, der das zu seinem Hauptberuf gemacht hat. Ich spüre traurigerweise auch ab und zu am eigenen Leib die Anziehungskraft des Mediums Fernsehen und muss dabei manchmal an eine Eizelle denken, die viele kleine Spermien zu befruchten trachten. Der Impuls ist verständlich, doch das Charakterliche reduziert sich dabei zwangsläufig. Überhaupt ist Matt in drei Zügen - Der Komparse eine sehr alltagsnahe, eher kabarettistische CD geworden und bedarf keiner weiteren Erklärung, sondern höchstens der ein oder anderen Entschuldigung.

Die Leute war'n glücklich,
der Sänger zerstört.
Und er betete bitter.
Und er wurde erhört:

Diesmal gab ihm der Himmel
ein ganz winziges Stück.
Und so kehrte der Sänger
auf die Bühne zurück.

2007, Ein-drittel-Album, 3 €,
4 Stücke:
Stift und Papier
Ich geh allein
Am Ende

Letzter Zug

Matt in drei Zügen - Letzter Zug
Bei den Liedern komme ich hier mit erstaunlich wenig Text aus. Stift und Papier mag ich seiner Treffsicherheit wegen. Außerdem verwendet es ein Bild, das mir gut bekannt ist. Ich geh allein ist der Western unter meinen Liedern und es macht mir großen Spaß, es zu singen. Auf eine besondere Art liegt mir Am Ende am Herzen. Es ist sehr verspielt, sehr ehrlich, und es enthält meine ganze Lebensweisheit. Abschließend sei erwähnt, dass Matt in drei Zügen in seiner Gestaltung ebenso ambitioniert ist wie in seinem Inhalt. Gewissermaßen ein Plädoyer für tonträgergebundene Musikveröffentlichung und spielerische Freiheit. Das Titelfoto ist zuhause entstanden.

Der Saal war zum Bersten
mit Menschen gefüllt,
auch das Fernsehn war da
und die ZEIT und die BILD,

als dem Sänger ein Liedchen
wie ein Floh entsprang,
das fast jeder schon mal
in der Dusche sang.

2010, Album, 14 €,
14 Stücke:
Ansichtskarte
Klau mir den Ball
Was mit Menschen
Wirst du mich leiden
Im falschen Café
Leben danach
Das Messer
Gary Messkill
Tanz in den Mai
Betteln gehn
Auf Grundeis
Wir in der Stadt
Nirgendwo
In Harveys Café

Im falschen Café
Dieses Album betrachte ich als das Gesellenstück oder den Endgegner einer Phase. Ich bin mächtig froh, dass es zustande kam. Sich am falschen Ort, in falschen Umständen oder in falscher Gesellschaft zu befinden, ist vielleicht ein Thema, das sich durch die ganze CD zieht. Hier versammeln sich die Eindrücke, Einfälle und Einfalt einer Zeit, in der das Leben sich fast nur abends abgespielt hat; eine sehnsüchtige Zeit, geprägt von tatsächlicher oder eingebildeter Heimsuchung, Täuschung und Verfehlung; kurz: ein eher gutes Klima für Lieder. Das Titelstück Im falschen Café vereint all das, wie ich finde. Stilistisch gehen die Lieder indessen in sehr unterschiedliche Richtungen. Dazu kommt, dass erstmals auch andere Instrumente eingesetzt werden, nicht viele und nicht immer, aber mit Absicht. Mit Wirst du mich leiden habe ich eine Art Volkslied geschrieben, glaube ich, etwas zum am Feuer Singen. Nur das Ende des Liedes verweigert sich dem ein wenig. Das wohl eigenwilligste Stück der CD ist sicher Gary Messkill, dessen philosophischer Gehalt freilich nicht unterschätzt werden darf. Übrigens hat die CD 15 Lieder. Eines wollte unbedingt einen Platz für sich alleine haben und möchte gefunden werden.

Und plötzlich war Stille.
Nur das Lied, ganz entspannt,
kullerte winkend
vom Bühnenrand.

Bis sich einer erhob, schrie:
Mein Gott, war das groß!
und die Stille zerstob,
und der Beifall brach los.